Sch…!

Der folgende Text ist nach einer Schreibübung entstanden. Und zwar dieser hier:

Beschiss für deinen Prota

Geschafft! Alisha blieb stehen und holte mehrmals tief Luft. Dabei streckte sie sich zunächst, drückte den Rücken durch, sank dann etwas nach vorn und stütze sich mit den Händen auf den Knien ab. Der Straßenlärm wurde endgültig zu einem gleichmäßigen Rauschen im Hintergrund.  Sie fühlte sich, als sei das ihre erste Pause nach einer Erdumrundung. Aber sie konnte sich nicht aufs Verschnaufen konzentrieren. Sie hatte ohnehin keine Zeit dafür.

Sie richtete sich wieder auf und zupfte an ihrem Kleid herum. Also an Julias Kleid. Sie selbst besaß nichts vergleichbar Schönes. Sie war so froh, dass sie sich dieses hatte ausleihen dürfen. Es stand für ihre kleine Hoffnung, mit dem heutigen Treffen könne sich ihr Leben endlich ändern. Ihr … Scheißleben!

Nach dieser Entgleisung schaute sie sich nach allen Seiten um. Sie musste den besten Eindruck machen, den sie machen konnte. Das Kleid sollte helfen. Aber sie durfte auch um Gottes willen nicht zu spät kommen.

Sie hob den Blick zu der großen Bahnhofsuhr. Oje, nur noch zwei Minuten, bis der Zug aus München ankommen sollte. Die Königs würden bestimmt kein Heimkind adoptieren, das als Erstes durch Unpünktlichkeit glänzte. Also los …

Typisch! Der Sturz schien Minuten zu dauern. Worüber war sie gestolpert? Einen Stein? Einen Ast? Eine Tasche? Ihren Fuß? Flatsch! Es klang nicht wirklich so. Aber sie fühlte es. Denn sie rutschte zunächst mit der Hand hindurch. Als wolle Frau Schicksal sichergehen, dass Alisha sofort wusste, was als Nächstes ihr Kleid beschmieren würde, weich, frisch und stinkend: Hundescheiße! Hun! De! Schei! Sse! Oder was für Scheiße auch immer.

Ja, sie würde einen nachdrücklichen Eindruck machen. Ihre ehemals potenziell neue Familie würde sie schon von Weitem gut riechen können. Am liebsten hätte sie einfach umgedreht und wäre zurück ins … Nein. Nicht dahin zurück. Frau Drossel konnte sie nicht unter die Augen treten. Ohne die Königs jedenfalls nicht.

Abhauen? Untertauchen? Einfach verschwinden? Ja, das wäre das Beste. Oder zumindest das Zweitbeste, wenn es keine Familie für sie gab. So oft hatte sie schon daran gedacht. Hatte Pläne geschmiedet. Pläne, die nur in ihrer Fantasie funktionieren mussten. Denn in Wirklichkeit hatte sie Angst davor. Viel zu große Angst.

Sie war sich immer sicher gewesen, eines Tages, würde sie so sehr unter Frau Drossel und den anderen Kindern leiden, dass sie die Angst überwinden könnte. Für eine winzige Sekunde hatte sie eben gedacht, jetzt wäre es so weit. Aber diese Sekunde war schon wieder vorbei. Und nun war ihr nur noch zum Heulen zumute. Doch ihre letzte Träne hatte sie schon vor Jahren geweint.

Sie hob den rechten Fuß, schob das Bein vorwärts. Sie schaute auch beim zweiten Schritt nicht, was sie da eigentlich tat. Schon ging sie wieder in einem zügigen Tempo. Sie registrierte kaum, dass sie sich zunächst auf das Bahnhofsgebäude zubewegte, um dann, ohne zu zögern, die große Halle zu betreten.

Sie hatte keinen Plan. Sie hatte nichts vor. Sie wollte nichts. Sie ahnte, dass sie auf den Bahnsteig zulief, keine Gelegenheit verpassen wollte, was immer nun geschehen würde. Sie blickte nicht ein einziges Mal mehr an sich herunter, zupfte nicht an dem Kleid und versuchte nicht, es notdürftig zu reinigen. Es würde nichts besser machen. Und sie würde nie besser sein, als sie es eben war.

All das dachte sie in klaren Worten, als würde sie ihre eigenen Gedanken an einer Tafel ablesen, gerade rechtzeitig, bevor ein großer Schwamm alles hinfortwischte.

Aus den Augenwinkeln heraus überprüfte sie die Ankunftstafel. Dann fixierte sie den Bahnsteig. Ihr Kopf war jetzt vollkommen leer. Sie sah, dass der Zug bereits eingefahren war. Sie beschleunigte nicht. Aber sie blieb auch nicht stehen.

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